Vom Flachs zum Leinen

Wie gewinnt man Flachs- / Leinenfasern?

Die Leinenfasern werden aus den Stengeln der Flachspflanze („gemeiner Lein“) gewonnen. Bis ins Mittelalter verwendete man zur Leinenherstellung allerdings auch Hanffasern. Die Begriffe Flachs und Leinen werden heute teilweise synonym füreinander verwendet, was eindrücklich verdeutlich, dass Flachsfasern sich gegenüber dem Hanf durchgesetzt haben.

Die Faser-Vorbereitungen

Verschiedene Schritte sind nötig um aus der Flachspflanze spinnfähige Fasern zu gewinnen:
1. Raufen
2. Riffeln
3. Rösten/Rotten
4. Trocknen/Darren
5. Brechen
6. Schwingen
7. Hecheln

das Riffeln

1. Raufen

Um möglichst lange Faser zu gewinnen, werden die Pflanzen mit den Wurzeln ausgerissen (gerauft).

geraufte Flachsbündel, die herausgerissenen Wurzeln sind unten sichtbar

2. Riffeln

Nach der Ernte wird der getrocknete, reife Flachs in die Scheune gebracht. Um den Leinsamen zu gewinnen, müssen die Flachsstengel mit den Spitzen durch den Riffelkamm, auch Reepelkamm oder Streff genannt, gezogen werden. Dabei werden die runden Samenkapseln von den Stengeln abgestreift und fallen auf ein ausgebreitetes Tuch am Boden. Nach dem Dreschen werden die Samen ausgesiebt und verwendet als Nahrungs-, Futter- oder Heilmittel, zur Herstellung des Leinöls sowie für die Aussaat im nächsten Jahr.

Riffelkamm
Flachssamen werden von den Stengeln gestreift

3. Rösten/Rotten

Die Stengel werden nach dem Riffeln auf einer Wiese oder einem Stoppelfeld ausgebreitet und der Witterung ausgesetzt (Tauröste) oder in eine Wassergrube gelegt (Wasserröste). Dabei wird in einem mehrere Wochen dauernden Gär- oder Fäulnisprozess der Zusammenhalt zwischen Holz- und Bastschicht sowie zwischen den einzelnen Fasern aufgelöst.

4. Trocknen/Darren

Im Anschluss an die Röste müssen die Flachsstengel getrocknet oder gedarrt werden.

Dies erfolgt entweder
• ausgebreitet in der Sonne,
• in der Restwärme des Backofens oder
• auf Hürden über offenem Feuer in sogenannten Darrlöchern oder Brechkaulen.

5. Brechen

Die gedarrten, trockenen Flachsstengel werden bündelweise durch die Flachsbreche gezogen und gleichzeitig wird der bewegliche obere Teil der Breche auf- und abgeschlagen. Dabei greifen die hölzernen Schienen der beiden Teile ineinander. Auf diese Weise werden die holzigen Teile der Stengel gebrochen und fallen zum Teil auf den Boden.

6. Schwingen

Über das aufrecht stehende Brett des Schwingstockes wird ein Bündel gebrochenen Flachses gehängt und mit einer Hand festgehalten. Mit dem Schwingmesser in der anderen Hand wird der Flachs solange bearbeitet, bis kurze Fasern und die restlichen Holzteilchen herausgefallen sind und nur die längeren Fasern, der sogenannte Schwingflachs, übrig sind.
Die kurzen Fasern, die beim Schwingen abfallen und Schwinghede genannt werden, können zu gröberen Garnen versponnen werden.
Die herausgefallenen Holzstückchen oder Schäben finden Verwendung als Brennmaterial, Mörtelzusatz oder heute zur Herstellung von Spanplatten.

7. Hecheln

Der „Feinschliff“ erfolgt beim Hecheln (sehen Sie hier unseren Versuch).
Spitz zulaufende Eisenstifte sind in Form einer Eisenbürste auf einem Brett befestigt. Je nach Dicke, Anzahl und Dichte der Eisenstifte unterscheidet man Grob-, Mittel- und Feinhechel. Der Schwingflachs wird bündelweise mehrmals nacheinander durch diese Hecheln gezogen und dabei weiter aufgefasert.
Die kurzen Fasern, die herausgekämmt werden und Hechelhede oder Werg genannt werden, können wie die Schwinghede zu Hedegarn versponnen oder zum Abdichten von Holzgefäßen oder Leitungen verwendet werden.
Der wertvolle, gehechelte Langfaserflachs aus glänzenden, parallel gekämmten Fasern wird sorgfältig zu Zöpfen geflochten oder zu Puppen gedreht und so bis zur Weiterverarbeitung aufbewahrt.

Nun sind die Fasern zum Spinnen bereit.

Feine Hechel (rechts) und Stadien des des Hechel-Prozesses